Strom ist in Deutschland ein teures Gut. So ist es auch regelmäßig Thema großer politischer Debatten. Aber leider ist Energieinfrastruktur ein komplexes Thema, welches sich nicht in ein paar kurzen Sätzen abhandeln lässt. Dieser Text soll etwas über die populistischen Darstellungen hinausgehen, und Teile der Entwicklungen der letzten Jahre beleuchten.
Gerade die als "Energiewende" bezeichnete Umstellung der deutschen Energieversorgung auf erneuerbare Energien ist ein heißes Thema. Während die Befürworter oft die ökologischen Vorteile und die staatliche Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen betonen, sehen Kritiker vor allem die Kosten und die Versorgungssicherheit als Problem.
Eine Zahl die hier immer wieder auftaucht sind 600 Milliarden Euro. So viel soll die Energiewende und der damit verbundene Atomausstieg gekostet haben. Das die Studie von Jan Emblemsvåg, aus der diese Zahl stammt, viele Fehler enthält, ist inzwischen Konsens. So wurde laut einer gemeinsamen Stellungnahme der Fraunhofer-Institute IEG, ISE und ISI die EEG-Umlage falsch zugerechnet, Doppelzählungen vorgenommen und die Investitionen für Windenergie im Jahr 2002 etwa um den Faktor 4 überschätzt. Das einige Zeitungen an diesen Zahlen trotzdem unbekümmert festhalten, zeigt wie dogmatisch die Debatte geführt wird.
Der Atomstrom
Aber selbst wenn diese Zahlen grob falsch sind, wäre die Kernkraft nicht der bessere Weg? Gerade ihre Steuerbarkeit ist im Vergleich zu Erneuerbaren echter Vorteil. So hört man derzeit auch immer wieder von einer Renaissance der Kernkraft.
Es gibt leider kaum verlässliche Zahlen bezüglich der Kosten der Energieerzeugung durch Atomkraft. Das liegt daran, dass AKWs und deren Infrastruktur oft zu großen Teilen staatlich getragen oder subventioniert werden. Wir können jedoch einen Blick in andere Länder werfen, um deren Erfahrungen zu betrachten.
Schaut man sich in der EU um, so fällt schnell auf, dass in den letzten 20 Jahren nur mit dem Bau von zwei Kernkraftwerke begonnen wurde. Eines in Frankreich, und eines in Polen, welches erst dieses Jahr begonnen wurde. Für das polnische Projekt gibt es dementsprechend wenig Prognosen. Die polnische Regierung hat dem AKW bisher eine Mindestvergütung von 13ct./kWh für 60 Jahre zugesichert. Frankreich startete 2007 mit dem Bau von Flamanville 3. Nachdem das AKW nun nach deutlich überschrittener Bauzeit und siebenfacher Kostensteigerung in Betrieb genommen wurde, liegt der Erzeugungspreis laut optimistischster Prognose des staatlichen EDF bei 14ct./kWh. Zum Vergleich: Der Abnahmepreis für französischen für Nuklearstrom liegt bei 7ct./kWh. So hat die EDF inzwischen einen Schuldenberg von über 50 Milliarden Euro angehäuft. Die Kalkulationen gehen außerdem von maximaler Auslastung aus, was in der Realität oft nicht gegeben ist. Hinzu kommt, dass sich AKW nur schwerfällig steuern lassen. Es kann so leicht zu einem Effekt kommen, den Experten als "Selbstkannibalisierung" bezeichnen: Ist der Strom, zum Beispiel durch Photovoltaik, bereits günstig, so kann die Leistung des AKW dennoch nicht reduziert werden. Das Mehrangebot an Leistung führt nun dazu, dass der Strompreis noch weiter sinkt. Über die reinen Kosten hinaus kommt hinzu, dass Europa selbst über kaum Uran verfügt. Man ist also auf Importe aus anderen Ländern angewiesen. Nicht zuletzt ist der russische Staatskonzern Rosatom seit Beginn des Ukraine-Kriegs von den Sanktionen ausgenommen. Schon bei aktuellem Bedarf wird auf 20% russische Uranimporte zurückgegriffen.
Blicken wir über die EU hinaus, so zeigt sich ein ähnliches Bild. In den
vergangenen 20 Jahren ist die Kapazität der Kernkraft weltweit kaum
gewachsen. Das zeigt zum Beispiel diese Statistik der Internationalen
Atomenergiebehörde (IAEA):
Grafik der IAEA
Small Modular Reactors
Eine relativ neue Entwicklung sind die sogenannten Small Modular Reactors (SMRs). Auch die Bundesregierung spricht in letzter Zeit gerne von deren großen Rolle für die Zukunft. Die Idee ist simpel: kleine modulare Reaktoren, die in Fabriken gebaut werden und dann vor Ort zusammengesetzt werden.
Natürlich bleibt hier das Rohstoffproblem. Die hohen Vorabkosten und langen Bauzeiten könnten aber drastisch reduziert werden. Leider zeigen die bisherigen Erfahrungen in den USA, dass auch diese Technologie wirtschaftlich fragwürdig ist. Die Kosten wachsen deutlich höher als erwartet. Selbst trotz extrem gestiegener Nachfrage durch Data-Center nehmen die Projekte kaum Fahrt auf. So fiel die Aktie des Branchenführers NuScale um fast 80% seit letztem Jahr.
Nun kann der fehlende Ausbau der Kernkraft natürlich auf fehlenden poltischen Willen zurückgeführt werden. Trotzdem gibt es einen Einblick darauf, wie internationale Märkte deren Wirtschaftlichkeit einschätzen.
Bewehrte Energie von vor Millionen Jahren?
Eine Erzeugungsart für die es ziemlich verlässliche Zahlen gibt, ist die Energiegewinnung durch fossile Energieträger. Diese machten in Europa für eine lange Zeit den Großteil der Energieversorgung aus. Die Anlagen sind leicht zu bauen, und lassen sich relativ gut steuern. Solange genügend Rohstoffe vorhanden sind, kann die Energieproduktion an den Bedarf angepasst werden. Hierfür können auch die höheren Erzeugungskosten (um die 20ct./kWh bei Gas) in Kauf genommen werden.
Neben der immensen Umweltbelastung ist jedoch die Abhängigkeit von Rohstoffimporten ein ernstzunehmendes Problem. Dies zeigt sich besonders bei Öl und Gas. Die Bedeutung von russischem Gas für den deutschen Winter war gerade zur Anfangszeit des Kriegs in der Ukraine ein großer strategischer Nachteil. Ähnlich ausgeliefert sind wir derzeit den Preisentwicklungen aufgrund der Kriege im Mittleren Osten. Eine Abkehr von fossilen Brennstoffen wird konsequent auch von der breiten Mehrheit der Gesellschaft und Politik für erstrebenswert gehalten.
Ausbau der Erneuerbaren
Spricht man von Energiewende, so ist damit aber natürlich primär der Ausbau der Erneuerbaren Energien gemeint. Deutschland hat, wenn auch spät, den Ausbau der Erneuerbaren Energien vorangetrieben. Die Gewinnung liegt mit 258,5 TWh auf historischem Höchstwert und 61,9% der Jahres-Last wird durch die Erneuerbaren gedeckt.
Die Energiegewinnung durch Kohle ist lag 2025 hingegen auf historischem
Tiefstwert . Das Zeigen
auch Daten der Fraunhofer Institute:
Grafik der Fraunhofer ISE
Die Kosten der Erneuerbaren sind inzwischen ebenfalls stark gesunken. Laut
Fraunhofer liegen die Kosten für Onshore-Windkraft bei 4-9ct./kWh, für
Offshore-Windkraft bei 5-10ct./kWh und für Solarenergie bei 4-14ct./kWh.
So können Windparks
inzwischen auch ohne EEG-Umlage rentabel betrieben werden.
So liegt Deutschland preislich bei der reinen Energieerzeugung auch im europäischen Mittelfeld: (Wobei diese Zahlen durch Subventionen etc. auch schwer zu verleichen sind)
Grafik der Fraunhofer ISE
Auch hier lohnt sich ein Blick in andere Länder. Die Niederlande haben ihren Anteil an Solar- und Windkraft von 8% im Januar 2015 auf knapp 50% im Jahr 2025 gesteigert. Trotz dieser massiven Umstellung ist der Strompreis von 18ct./kWh auf 23ct./kWh recht stabil geblieben. Weltweit sind die Erneuerbaren Energien seit Jahren die am stärksten zunehmende Energiequelle.
Das Deutsche Defizit & Dunkelflauten
In den vergangenen Jahren ist Deutschland von einem Energieexporteur zu einem Energieimporteur geworden. Dies wird schnell als sehr negativ dargestellt. Tatsächlich wurde jedoch häufig Strom importiert, obwohl Kapazität in deutschen Kraftwerken vorhanden gewesen wäre. Der ausländische Strom war schlichtweg billiger. Viele Experten sehen diese Entwicklung daher eher als ein Zeichen funktionierender Marktmechanismen in der EU, sowie gut ausgebauter Transfernetze.
Dennoch fehlt den Erneuerbaren Energien natürlich die Stetigkeit, die man von fossilen Kraftwerken gewohnt ist. Selbst wenn im vergangenen Winter Strom aus Erneuerbaren über die Hälfte des Konsums abdeckte, so ist diese Abdeckung keinesfalls gleichmäßig verteilt:
Es gab 2025 sieben Dunkelflauten, die länger als 24 Stunden dauerten. Insgesamt summierte sich die Zeit auf 407 Stunden, also ca. 4% der Zeit des Jahres. Aufgrund der geographischen Größe der EU ist es zwar häufig möglich, Erneuerbaren Strom aus dem Ausland zu beziehen, jedoch ist auch ein Zurückgreifen auf fossile Kraftwerke derzeit unabdingbar. Dies gilt gerade für Deutschland, wo die Speicherkapazitäten noch sehr begrenzt sind.
Überschuss
Die andere Seite der Volatilität der Erneuerbaren ist, dass es auch zu Überschüssen kommt. So gab es 2025 sogar insgesamt 1.026 Stunden mit negativen Energiepreisen. Die Ursache sind hier häufig gerade Photovoltaik-Anlagen, die an sonnigen Tagen sehr viel Strom produzieren.
Diese Phasen sind derzeit besonders problematisch, da der Staat eine Mindestvergütung für Erneuerbare garantiert. So zahlte der Staat 2025 rund 554 Millionen Euro an Erneuerbaren-Betreiber aufgrund zu geringer Nachfrage. Wie schon im Absatz zu Atomkraft erwähnt, ist dies auch ein Problem für steuerbare Kraftwerke wie Kohlekraftwerke, die sich nicht schnell genug anpassen können.
Dennoch zeigen einige Länder, dass diese Schwankungen auch Chancen bieten. So kann die Produktion von Energieintensiven Industrien dynamisch an den Strompreis angepasst werden. Auf diese Weise profitiert die Industrie von günstigem Strom, während sie gleichzeitig die Spitzen abfedert. Auch selbst-finanzierende Speicherlösungen (Arbitrage) und dynamisches Laden von Elektroautos (Sektorkopplung) können hier helfen, die Schwankungen auszugleichen.
Gründe für den teuren Strom
Die deutsche Infrastruktur ist auf die hohe Dynamik der Erneuerbaren Energien nicht vorbereitet. So gibt es in Deutschland beispielsweise kaum Speichertechnologie. Pumpspeicherwerke haben in Deutschland eine Kapazität von 148 GWh, was ca. 12% des Tagesbedarfs entspricht. In Österreich liegt die Kapazität hingegen bei 958 GWh, also über 600% des Tagesbedarfs. Auch das ist ein Grund, warum Deutschland verstärkten Handel mit Österreich betreibt.
Zusätzlich fehlt in Deutschland eine digitale Infrastruktur, die es ermöglicht, Strompreise dynamisch an den Endkunden weiterzugeben. Beim Ausbau von Smart-Metern liegt Deutschland weit abgeschlagen. Dies erschwert auch die Sektorkopplung, also die Nutzung von Strom in anderen Bereichen wie Wärme oder Mobilität.
Erschwerend kommt hinzu, dass über 20 Millionen Haushalte in Deutschland in den letzten 19 Jahren noch nie ihren Stromanbieter gewechselt haben. Dies führt zu vergleichsweise geringer Konkurrenz zwischen Anbietern.
Netze
Ein weiterer Grund sind die Netze. Wenn auch etwas in die Jahre gekommen, so ist das deutsche Stromnetz dennoch sehr stabil. Leider ist auch dieses nicht an die neuen Anforderungen angepasst.
Länder wie Schweden teilen ihren Strommarkt in mehrere Zonen auf. In jeder Zone bestimmt sich der Strompreis nach Angebot und Nachfrage unabhängig. In Deutschland hingegen wird der Strompreis für das ganze Land einheitlich berechnet. Das Problem ist jedoch, dass die Leitungen keine beliebige Menge an Strom transportieren können. Es kommt immer häufiger zu Situationen, in denen günstiger Strom aus zum Beispiel aus Norddeutschland nicht ausreichend in den Süden transportiert werden kann. In diesem Fall müssen teurere Kohle- oder Gaskraftwerke im Süden zugeschaltet werden, während die Windkraftwerke im Norden künstlich abgeriegelt werden. So entstanden 2025 Kosten von 3,1 Milliarden Euro.
Ein Ausbau der Netze ist in Deutschland politisch ebenfalls schwierig. Netzausbau wird hier über die Netzentgelte direkt auf den Verbraucher umgelegt. Dies ist bereits schon ein großer Faktor für die hohen Strompreise. Zusätzliche Investitionen würden den Strompreis direkt merklich anheben. In anderen Ländern werden die Netzentgelte hingegen subventioniert. So subventioniert Frankreich die Netzentgelte für Unternehmen mit bis zu 81%.
Wie Geht es Weiter?
Die aktuelle Bundesregierung hält auf dem Papier weiter am Ausbau der Erneuerbaren Energien fest. Im Zentrum soll vorerst jedoch die Stabilität des Netzes stehen.
So wurde, um die Gewinnungs-Spitzen zu reduzieren, die garantierte Einspeisevergütung für Solarstrom reduziert. Gleichzeitig soll der Ausbau von Erneuerbaren Energien an die Netzausbau gekoppelt werden. Auf diese Weise soll eine Überlastung der Netze verhindert werden. Gleichzeitig wird jedoch trotz rekord-hohen Schulden für Infrastruktur keine Beschleunigung im Netzausbau vorgenommen. Der Fokus liege auf bloße "Effizienz-Steigerung" der bestehenden Netze. Anreize für einen beschleunigten Netzausbau gibt es nicht.
Auch Speicher-Lösungen werden vermehrt ausgebremst. So werden Batteriespeicher aus dem KraftNAV ausgeschlossen, ohne dass ein Nachfolge-Verfahren vorgesehen ist. Auch Energiegenossenschaften, die für sehr hohe gesellschaftliche Akzeptanz sorgen und lokale Anreize schaffen, werden höhere bürokratische Hürden entgegen gesetzt.
Die geringe Sektorkopplung und Dynamisierung wird als Konsequenz der fehlenden Digitalisierung gesehen. Auch am deutschen Einheits-Markt wird festgehalten. Ungünstigerweise während der bayrische Teil der Regierungskoalition gegen den Ausbau von Nord-Süd-Trassen ist. Das Re-dispatch Problem bleibt also bestehen. Um trotzdem Stabilität zu gewährleisten, soll nun in Teilen von der Elektrifizierung des Energie- und Verkehrssektors abgerückt werden, sowie der Ausbau von Gaskraftwerken für insgesamt 34 Milliarden Euro vorangetrieben werden.
Fazit & Meinung
Die Energiewende wird gerne als "deutscher Irrweg" bezeichnet. Schaut man auf die Zahlen und das internationale Umfeld, so ist die aktuelle Politik jedoch ein weit größerer Alleingang. Während die industrielle Welt stark auf Elektrifizierung setzt, setzt Deutschland umso mehr auf fossile Energieträger. Wirtschaftlich scheint das gerade in Angesicht der stark steigenden Kosten für Öl und Gas, sowie der geopolitischen Lage, ein riskanter Weg zu sein.
Elektrifizierung und Sektorkopplung sind erprobte, ökonomisch anerkannte Strategien, um sowohl Abhängigkeiten zu verringern, als auch die Kosten für Energie zu senken. Stattdessen legen wir uns mit den neuen Gaskraftwerken auf eine Technologie und Rohstoffe fest, deren Kosten wir nicht in der Hand haben. Gleiches gilt mit dem Festhalten an Gas & Öl für die Wärmeversorgung und im Verkehr.
Hier stellt sich einmal mehr die Frage: Wollen wir uns überhaupt fit für die Zukunft machen? Oder sind wir zu stur und bequem geworden, überhaupt anzuerkennen, dass sich Zeiten ändern können?
menschlich recherchiert & geschrieben